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Don’t ask, don’t tell: Ignorieren statt Diskutieren

Stefan Niggemeier kommentiert in seinem Blog die Rücknahme eines „taz“-Kommentars von Jan Feddersen zu einem Interview der „Bild am Sonntag“ mit Umweltminister Peter Altmaier durch Chefredakteurin Ines Pohl. Auch Alice Schwarzer greift in ihrem Blog das Thema auf.

Was war passiert? Peter Altmaier bat die „Bild am Sonntag“ zu einem Interview zu sich nach Hause. Interessant hierbei war insbesondere seine Antwort auf die Frage, warum in den Archiven nichts über aktuelle oder ehemalige Partnerschaften Altmaiers zu finden sei. Statt die ohne Zweifel ins Privatleben zielende Frage gar nicht, wahrheitsgemäß oder zur Not mit einer erfundenen, aber glaubhaften Anekdote zu beantworten, schwurbelte sich Peter Altmaier eine Geschichte von Gott und dem Schicksal zurecht. Entgegen ihrer üblichen Gepflogenheiten verzichteten die Springer-Leute an diesem Punkt aber darauf, nachzuhaken.

Altmaiers Ausführungen erregten natürlich erst recht das Misstrauen der Medien, und so spekulierte Jan Feddersen in einem nicht minder verschwurbelten „taz“-Kommentar über eine mögliche Homosexualität Altmaiers, eine Vermutung, die angesichts Altmaiers Verhalten in der Vergangenheit zumindest nicht völlig abwegig ist. Chefredakteurin Ines Pohl sah sich daraufhin genötigt, den zugegebenermaßen schlechten Kommentar Feddersens zurückzunehmen und sich öffentlich zu entschuldigen, weil „sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen“ sollte. Niggemeier kritisierte die Reaktion der „taz“ in seinem Blog und fordert, dass man über die sexuelle Orientierung eines Prominenten doch diskutieren dürfe.

Interessanter noch als der Artikel Niggemeiers sind aber die Kommentare, die sein Blogeintrag ausgelöst hat, offenbaren sie doch eine Strategie im Umgang mit Homosexuellen, die eigentlich längst überwunden sein sollte und die in den amerikanischen Streitkräften so treffend, wenn auch vor anderem Hintergrund, mit „Don’t ask, don’t tell“ umschrieben wurde: Nichts fragen, nichts sagen. Besonders erschreckend hierbei ist, dass man die Leser von Niggemeiers Blog eher im bildungsbürgerlich-liberalen Lager verorten würde, also dort, wo nach eigenem Selbstverständnis Homosexualität kein Problem mehr darstellt.

Viele Kommentatoren vertreten die Ansicht, die sexuelle Orientierung sei Privatsache sei und man müsse darüber keine Auskunft geben, und natürlich haben sie damit recht. Ob jemand seine sexuelle Orientierung öffentlich macht oder nicht, sollte seine eigene Entscheidung sein. Aber vor dem Hintergrund einer vermuteten Homosexualität diese Frage „sicherheitshalber“ nicht zu stellen, ist eine Diskriminierung! Niemand kann Altmeier, so er denn überhaupt schwul ist, zu einem öffentlichen Bekenntnis seiner sexuellen Orientierung zwingen, auch wenn ein mögliches Outing aus Sicht der Schwulen wünschenswert wäre. Aber welche Journalist hätte bei einem vermuteten Seitensprung, Mitgliedschaft in einer dubiosen Glaubensgemeinschaft, einer abgeschriebenen wissenschaftlichen Arbeit, zweifelhaften Krediten nicht knallhart nachgefragt, um nur ein paar Beispiele der jüngsten Vergangenheit zu nennen? Alles Dinge, die offensichtlich in die Privatsphäre des Betroffenen fallen, bei denen aber gerade Boulevardjournalisten sonst keine Beißhemmung kennen.

Auch die Ansicht, dass Privates, besonders bei einem Politiker, niemanden interessiert, ist nicht zu halten. Dutzende Zeitschriften verkaufen ihre Auflage mit seichten Geschichten aus dem Privatleben von Prominenten jeglicher Couleur, und selbst die Internetportale der Leitmedien erreichen mit Boulevardgeschichten regelmäßig die höchsten Klickzahlen. Homestories von Politikern wie in diesem Falle Altmaier sind keine Ausnahme, sondern inzwischen die Regel. Warum bloß, wenn Privates doch niemanden interessiert?

Auch die These, die sexuelle Orientierung sei heute kein Problem mehr und die Antwort auf die Frage somit irrelevant, greift nicht. Wäre die sexuelle Orientierung kein Problem, müsste ja niemand die ehrliche Antwort auf die Frage fürchten. Aber Homosexualität ist abseits hipper Künstlerviertel  sehr wohl noch ein Problem. Denn Homosexualität sein ist nur solange in Ordnung, solange man sich an die Regeln hält: du darfst gerne Schwul sein, aber belästige mich bitte nicht damit, schon gar nicht mit romantischen Gefühlen oder Bettgeschichten. Und mach mich auf keinen Fall an! Am liebsten wäre mir, ich wüsste es gar nicht: nichts fragen, nichts sagen.

Das bedeutet aber nicht, Schwule zu akzeptieren und auch nur zu tolerieren, sonder sie schlicht und ergreifend zu ignorieren. Ignorieren ist aber nur eine Form der Diskriminierung! Wer glaubt, Schwule seien inzwischen in der Gesellschaft angekommen, dem empfehle ich, im Selbstversuch mal in seinem Bekanntenkreis von seiner romantischen Liebe zu einem gleichgeschlechtlichen Partner zu schwärmen und dabei auch körperliche Aspekte nicht auszulassen. Die Reaktionen hierauf dürften irgendwo zwischen betretenem Schweigen und kaum verhohlener Abscheu liegen, bevor man ansatzlos das Thema wechselt. Die gleiche Geschichte mit einem gegengeschlechtlichen Partner führt im schlimmsten Fall zu Neid.

Die wenigsten heterosexuellen Mitbürger dürften ein Problem damit haben, Bekannten ihren Partner vorzustellen, mit Freunden über ihre Beziehung und darin auftretende Probleme zu sprechen oder öffentlich zu ihrer Hochzeit  einzuladen. Auch Andere danach zu fragen gilt nicht unbedingt als schwerwiegender Eingriff in die Intimsphäre. Und es soll also nicht diskriminierend sein, mit jemandem, von dem man annimmt, er könnte homosexuell sein, über diese Themen nicht zu sprechen, sie völlig auszublenden? Mit dem Hinweis, dass sei ja seine Privatangelegenheit und irrelevant?

Viele, einschließlich Alice Schwarzer in ihrem Kolumne, habe etwas nicht verstanden: es geht nicht darum, ob, wann und wie eine Person seine sexuelle Orientierung öffentlich macht. Diese Entscheidung sollte ausschließlich die betreffende Person selbst treffen. Aber wenn eine offensichtliche Frage nicht gestellt wird, weil wir die Antwort aus welchen Gründen auch immer nicht hören wollen, oder wenn eine Person des öffentlichen Lebens wie in diesem Fall der Umweltminister eine private Frage nicht mit „kein Kommentar“ beantwortet, sondern eine etwas skurrile Geschichte von Gott und Schicksal zum Besten gibt, dann bezeugt das lediglich eins: unser Strategie, mit Homesexuellen in der Gesellschaft und gegebenenfalls auch mit der eigenen Homosexualität umzugehen, besteht aus Schweigen und Ignorieren. Zwar stellt das einen Fortschritt gegenüber der offenen Verfolgung dar, Weiterentwicklung aber sieht anders aus. Solange die sexuelle Orientierung, so sie nicht die der Mehrheit ist, als Makel wahrgenommen wird, ist eine Diskussion darüber nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Die amerikanischen Streitkräfte haben „Don’t ask, don’t tell“ übrigens 2011 abgeschafft.

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Kategorien:Sex And The City
  1. 20. Juli 2012 um 16:25

    Auch jenseits der Politik handeln schwule Prominente leider nicht besonders souverän, sondern lavieren, wie etwa Boxer Wladimir Klitschko, um ein Coming Out herum. Das sie dabei allen Homos in den Rücken fallen, die sich nicht verstecken möchten und sich allzu oft in weitaus schwierigeren Situation befinden, ist nicht akzeptabel. Outing gehört deshalb immer wieder ganz oben auf die Todo-Liste von LGBT-Verbänden- und Medien. Getreu dem Motto: Wer sonst, wenn nicht wir…
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    5ojdv

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