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Auch wenn’s weh tut…

Mach doch mal was über Erotik. Gute Idee, Sex sells. Aber was? Gibt es überhaupt noch Themen, die der Boulevard nicht schon zu Genüge durchgekaut hat? Vielleicht mal einen anderen Blickwinkel finden, ein Interview ohne Effektheischerei und künstliche Aufgeregtheit, sich auf die Menschen einlassen.

Erste Anlaufstation ist das Internet, da findet man ja bekanntlich alles. Also Suchmaschine angeworfen und einfach mal treiben lassen. Sado-Maso? Das geht immer, ist ja durch 50 Shakes Of Grey gerade wieder sehr im Gespräch. Die englischsprachige Community interessiert mich nicht so, ich brauche einen deutschen Gesprächspartner. Ich lerne: man spricht lieber von BDSM. Also Foren und Info-Seiten abklappern und umschauen. Gesprächspartner über das Internet finden? Damit habe ich bisher keine guten Erfahrungen gemacht, im Cyberspace gibt es viele Blender und selbsternannte Experten. Ich stoße auf eine Liste mit Stammtischen, ein paar davon in meiner Nähe. Genau das Richtige! Ich frage freundlich an, ob ich mal vorbeischauen darf. Kurze Zeit später erhalte ich eine Zusage, erfahre Ort und Zeit. Mit dem Organisator vereinbare ich, den Grund meines Besuchs erst mal nicht zu erwähnen, man will ja nicht mit der Tür ins Haus fallen. Erst mal den Leuten näher kommen. Bedingung: keine Namen, keine Fotos! Für mich kein Problem.

Ich bin ein bischen früher da, sondiere die Lage. Kein Hinterhof, keine rote Laterne, der Treffpunkt ist eine ganz normale Kneipe. Auch die Gäste sind unauffällig. Ich warte eine zeitlang ab und versuche zu raten, wer wegen des Stammtischs kommt und wer nicht. Es gelingt mir nicht. Ich betrete die Lokalität und schaue mich um. In der Ecke sitzt eine größere Gruppe an ein paar zusammengeschobenen Tischen. Das muss es sein. Lampenfieber hab ich nicht, ich bin ja beruflich da. Aber auch sonst nichts beunruhigendes: alle scheinen nett, freundlich und aufgeschlossen zu sein. Man ist per Du.

Ich setzte mich ans Ende und stelle mich kurz vor. Keine peinliche Befragung, keine bohrenden Blicke. Hallo sagen, ein paar Hände schütteln. Der Organisator, ein schlanker, dunkelhaariger Mitvierziger, kommt zu mir rüber und stellt sich vor. Ich stelle wieder einmal fest, das man sich per Email kein Bild von einem Menschen machen kann. Die Gespräche kreisen um Urlaub, Kinder, wo’s die beste Pizza gibt. Ich nicke eifrig, fühle mich wie beim Elternstammtisch einer Grundschule. Erst mal zuhören und abwarten. Ein paar Plätze weiter berichtet jetzt jemand begeistert von einem Bondage-Workshop. Das Thema wird dankbar aufgegriffen: Online-Shops für Hanf- und Baumwoll-Seile. Ich kann nicht mitreden und bestelle erst mal ein Hefeweizen.

Mir gegenüber sitzt ein Pärchen Mitte Dreißig, wir kommen ins Gespräch. Meinen Beruf umschreibe ich mit Medienbranche, das ist unverfänglich und hipp. Ich versuche, meine Gesprächspartner erzählen zu lassen, ohne selbst zuviel zu verraten. Es gelingt mir. Die beiden sind verheiratet und haben zwei Kinder, sind gerade im Taunus in ein neues Haus gezogen. Beide berufstätig, er IT-Spezialist bei einer Bank, sie Angestellte in der öffentlichen Verwaltung. Ich muss meine Klischees endgültig über Bord werfen, erzähle von Immobilienmaklern und die Vor- und Nachteile verschiedener Frankfurter Wohngegenden. Wir entdecken gemeinsame Hobbies, reden über Fotografie und Tauchreviere, finden uns sympathisch.

Die ersten fahren nach Hause, ich schaue auf die Uhr. Noch mal kommen? Die Zeit drängt! Ich beschließe, auf den Punkt zu kommen. Kurzerhand erzähle ich von meinem Beruf und warum ich eigentlich gekommen bin. Die beiden sind interessiert, stellen Fragen. Ich erwähne, ein Interview vorzubereiten. Sie springen nicht drauf an, ich muss nachhelfen. Ob wir uns denn noch mal treffen könnten, vielleicht bei ihnen zu Hause, ganz unverbindlich natürlich. Klar, warum nicht. Die zwei müssen weg, der Babysitter. Wir tauschen noch kurz Adressen aus und vereinbaren einen Termin in zwei Wochen. Ich bin erleichtert und schreibe in meinen Kalender: Gespräch mit Anke und Stefan. Ein paar Tage danach rufe ich die beiden an, will auf Nummer sicher gehen. Stefan ist am Telefon. Ich mache ihm klar, dass es bei dem Interview auch um Sex gehen wird. Kein Problem, aber keine Namen, keine Fotos. Das kenn ich schon und willige ein.

Zwei Wochen später reise ich in den Taunus. Speckgürtel, nette Reihenhäuser, gepflegte Gärten, vor den Häusern stehen Mittelklasse-Kombis. Eine Gegend, in der man seinem Nachbarn die Hausschlüssel gibt, wenn man in Urlaub fährt. Ich parke, steige aus, suche die Hausnummer. Freistehendes Einfamilienhaus, kleiner Garten, keine Vorhänge an den Fenstern. Auf dem Briefkasten stehen die Namen der Kinder. Ich drücke den Klingelknopf.

Anke öffnet die Tür, bittet mich herein. Sie trägt ein knielanges, graues Kleid. Im Wohnzimmer wartet Stefan. Jeans und T-Shirt. Ich schaue mich um: Flachbildfernseher, helle Möbel, in der Ecke eine Kiste mit Kinderspielzeug. Nicht mal ein Ledersofa! Ich überlege seit Tagen, wie ich in das Gespräch einsteigen soll. Der Geistesblitz bleibt aus.

Kein Lack, kein Leder, keine Peitschen? Ich bin  enttäuscht.

Anke: Hättest du das früher gesagt, wir hätten was arrangiert! Wir haben alles da und können die gängigen Klischees bedienen, wenn’s sein muss.

Stefan: Normalerweise geben wir aber keine Vorführungen.

Das Eis ist erst mal gebrochen. Ich setzte mich und schlage meinen Notizblock mit den Stichworten auf. Im Geiste gehe ich noch mal die wichtigsten Vokabeln durch, man will sich ja nicht durch völlige Ahnungslosigkeit blamieren. Das Gespräch zeichne ich wie vereinbart auf meinem Diktiergerät auf.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Hat BDSM dabei eine Rolle gespielt?

Anke: Ganz normal eigentlich, über ein gemeinsames Hobby.

Stefan: Bei mir war’s Liebe auf den ersten Blick.

Anke: Bei mir nicht! Ich fand ihn am Anfang eher langweilig. Hat fast ein Jahr gedauert, bis er mich überzeugt hatte.  BDSM kam dann erst viel später. Ich hatte zwar Fantasien in die eine oder andere Richtung, aber ausleben wollte ich das eher nicht.

Wie seit ihr dann trotzdem auf BDSM gekommen?

Stefan: Das war wohl meine Idee. Die ersten sexuellen Erfahrungen, an die ich mich erinnern kann, haben irgendwie mit Fesseln zu tun. Ich fand es immer schon aufregend, gefangen und gefesselt zu werden. Später hab ich dann festgestellt, dass  selber fesseln noch aufregender ist.

Anke: So haben wir auch in unserer Beziehung damit angefangen. Fesselspiele, ein bisschen beißen und kneifen, mal einen Klapps auf den Po, auch fester. Da es uns beiden Spaß gemacht hat, haben wir weitergemacht, immer mehr ausprobiert. Wir haben das damals auch gar nicht als BDSM verstanden. Ich hab aber keine Kindheitserinnerung, die ich damit in Zusammenhang bringen würde.

Wie habt ihr rausgefunden, was euch Spaß macht?

Anke: Es gibt ja das Internet. Man schaut sich irgendwann mal um, welche Erfahrungen andere gemacht haben. Wenn man was gefunden hat, was einen interessiert, probiert man es aus.

Stefan: Ist auch ein paar Mal daneben gegangen. Aber wir haben das nie so bierernst gesehen.

Anke: Wenn mal was komplett in die Hose gegangen ist, haben wir drüber gelacht. Das ist auch wichtig. Es soll ja Spaß machen. Wir sind da eher undogmatisch.

Und? Was macht euch Spaß?

Stefan: Ich schubs Anke gerne rum und lass mich verwöhnen.

Anke: Inzwischen stehe ich dazu, dass ich devot und masochistisch bin. Machmal bin ich sogar ein bisschen stolz drauf. Bondage finde ich auch sehr schön. Aber alles in einem erotischen Kontext. Ansonsten halt ich mich schon für selbstbewusst und unabhängig. Stefan hat mich mal sein Spielzeug genannt, das find ich eigentlich ganz süss. Passt auch gut.

Was macht die Faszination aus, was ist so aufregend daran?

Anke: Bei mir war es das Gefühl, sich total fallen lassen zu können, ausgeliefert zu sein, jemandem voll und ganz zu vertrauen. Das ist sehr intensiv, es verstärkt bei mir alle anderen Empfindungen.

Stefan: Wenn sich dir jemand völlig ausliefert, ist schon ziemlich aufregend. Aber am Anfang hab ich’s aber noch nicht so ausgenutzt wie heute…

Anke: Schmerz kam dann erst später dazu. Ich hab mich da zuerst schon gefragt, ob ich eigentlich noch normal bin. Auf der einen Seite kämpfen Frauen gegen sexuelle Gewalt, und du findest es geil, von deinem Freund geschlagen zu werden. Ich kam mir wie eine Verräterin vor und hab lange für mich selbst nach einer Erklärung gesucht.

Hast du eine gefunden?

Anke: Ich weiß nicht, eigentlich nicht. Vielleicht gibt’s eine physiologische Erklärung, mit Adrenalin und Endorphinen und so, aber irgendwann war’s mir egal. Ich hab mich gut gefühlt und akzeptiert, dass das ein Teil meiner Persönlichkeit ist und ich mich dafür nicht rechtfertigen muss.

Stefan: Am Anfang war da schon eine Hemmschwelle. Wenn dir deine Freundin sagt, mach doch mal fester, und du machst fester, und dann sagt sie dir, dass noch härter auch Ok ist, dann denkst du dir schon: Scheiße, noch härter, das wäre verprügeln. Auch wenn es beiden Spaß macht, willst du das im ersten Moment nicht unbedingt durchziehen.

Anke: Da gab es schon einen Punkt, wo wir festgesteckt und viel geredet haben. Reden ist überhaupt sehr wichtig, in jeder Partnerschaft. Wenn man die Bedürfnisse seines Partner kennt, wird alles viel einfacher. Als wir irgendwann über alles reden konnten, gab es auch fast keine Probleme mehr.

Stefan: Genau. Als mir klar war, die sie das wirklich will und nicht nur macht, um mir einen Gefallen zu tun, von da an ging es eigentlich von selbst.

Anke: Das war wie eine Befreiung. Man muss sich erst mal über seine eigenen Gefühle klar werden und dann mit dem Partner drüber reden.

Wissen eure Freunde etwas von euren Vorlieben? Gab es eine Art Outing?

Stefan: Nur die, die wir über BDSM kennen gelernt haben.

Anke: Ich mach da kein Geheimnis draus. Wenn jemand konkret danach fragt, würde ich auch was erzählen. Aber komischerweise fragt keiner, vielleicht haben die Angst vor der Antwort.

Stefan: Außer du jetzt. Unsere Freunde interessieren sich scheinbar nicht so für Bettgeschichten.

Anke: Schade eigentlich. Bei einigen würde ich gerne Gedanken lesen können, wenn sie’s erfahren. Wäre bestimmt lustig. Im Ernst, andere reden doch auch nicht immer über Sex, oder?

Wo ist die Grenze zwischen BDSM und Gewalt? Und wie verhindert man, dass diese Grenze überschritten wird?

Anke: Der Unterschied ist das gegenseitige Einverständnis.

Stefan: Dass sie ja meint, auch wenn sie nein sagt.

Anke: Ha ha. Dazu muss man sich aber gegenseitig gut kennen und sich vertrauen. Ansonsten muss man ein Safeword benutzen.

Was ist das?

Anke: Ein vorher vereinbartes Wort, um das Ganze sofort zu beenden. Oder ein anderes Zeichen, wenn man in der jeweiligen Situation nicht sprechen kann.

Stefan: Sozusagen ein Not-Aus.

Habt ihr das schon mal verwendet?

Stefan: Nein, das war bisher nicht nötig. Obwohl wir schon mal Sachen abgebrochen haben, aber dass haben wir dann auch so gemerkt.

Anke: Ich erinnere mich schon kaum noch drann. Als wir erkannt haben, dass das, was wir tun, irgendwie BDSM ist, haben wir ein Safeword vereinbart, weil man das halt so macht. Aber inzwischen bräuchten wir keins mehr. Stefan kennt mich glaub ich besser als ich mich selbst, zumindest in dieser Beziehung.

Gab es mal einen Moment, wo BDSM zur Belastung geworden ist?

Anke: Als ich ihm das erste mal gestanden habe, dass ich Vergewaltigungsfantasien habe, war er sichtlich geschockt. Es ist mir übrigens sehr schwer gefallen, dass vor meinem Partner zuzugeben. Ich dachte damals, dass geht eindeutig zu weit, du bist krank und musst zur Therapie, du träumst irgendwie von dem Schlimmsten, was einer Frau passieren kann. Das hat uns beide sehr lange beschäftigt.

Stefan: Stimmt, da war ich einen Moment fassungslos. Aber auch stolz, dass sie sich getraut hat, mit mir darüber zu reden. Ist ja irgendwie ein Vertrauensbeweis.

Anke: Auf jeden Fall hat das unsere Beziehung stärker werden lassen. Wenn du erst mal über das gesprochen hast, was dich am meisten belastet, kann du danach über alles reden. Wir haben versucht, rauszufinden, was dahinter steckt, das Ganze analysiert. Stefan hat mir da sehr geholfen, er ist ja eher ruhig und analytisch. Zum Schluss haben wir das in einer Art Rollenspiel umgesetzt, das war eine sehr bewegende Erfahrung, vielleicht die intensivste bisher.

Stefan: Das klingt jetzt alles ziemlich krank, es war für uns beide nicht einfach. Aber es hat sich gelohnt. Details verraten wir aber nicht.

Gab es auch ein peinliches Erlebnis?

Stefan: Mir war bisher glaub ich nix peinlich.

Anke: Wir sind mal von einer Party nach Hause gefahren. Normalerweise ziehen wir uns anschließend immer um, aber diesmal hatte ich keine Lust. Es war schon spät, zwischen drei und vier Uhr glaub ich, und der Weg nach Hause war nicht so weit. Also hat sich Stefan umgezogen und ich hab meine Party-Outfit angelassen.

Stefan: Das war ein ziemlich knappes Latex-Outfit mit hohen Plateau-Stiefeln und so. Eigentlich fast mehr nackt als bekleidet.

Anke: Ich hatte aber einen Mantel drüber gezogen. Damals haben wir noch nicht hier gewohnt, wir hatten einen Parkplatz direkt im Haus in einer Tiefgarage. Wir mussten also nur noch die Treppe rauf und in die Wohnung. Wir standen schon vor unserer Haustür, ich hatte den Mantel schon halb ausgezogen, da kommt aus der Wohnung nebenan unserer Nachbarin, die mitten in der Nacht ihren Hund ausführen wollte. Das hat die sonst nie gemacht, scheinbar hat der Hund gejammert oder es war Vollmond.

Stefan: Ich hab noch freundlich Guten Morgen gesagt.

Anke: Die ist knallrot geworden, ich dachte, die kippt um. Danach ist die uns richtig aus dem Weg gegangen. Das war für uns aber eher lustig als peinlich.

Stefan: Inzwischen kann die wieder ruhig schlafen, die Perversen sind ja weggezogen.

Wie muss man sich so eine Party vorstellen?

Stefan: Eigentlich ein ganz normale Party, nur mit schärferen Klamotten.

Anke: Die meisten Parties haben einen Dresscode, mit Lack, Leder, Latex und so. Nackt geht meistens auch.

Stefan: Ansonsten aber meist eher harmlos. Beim ersten Mal haben wir auch gedacht, da findet eine Art Orgie statt. War aber nicht.

Anke: Es gibt eine Bar, manchmal eine Tanzfläche. Es gibt natürlich auch Platz zum Spielen, offen oder in Nebenräumen, je nach Veranstaltung. Aber man muss ja nicht mitmachen. Und vorher fragen muss man sowieso bei allem.

Stefan: Alles kann, nichts muss.

Anke: War das nicht bei den Swingern? Als Paar hat man da aber keine Probleme. Wenn’s einem nicht gefällt, geht man halt wieder. Die meisten Leute, die man trifft, sind aber echt nett und offen. Wir gehen auch eigentlich nicht zum Spielen hin, sondern um Freunde zu treffen und mal auszugehen.

Stefan: Mit zwei kleinen Kindern muss man sich seine Zeit ja einteilen.

BDSM und Kinder, passt dass zusammen?

Stefan: Warum nicht?

Anke: Auf jeden Fall verändert sich einiges. Sachen rumliegen lassen oder die ganze Wohnung als Spielfläche nutzen ist dann nicht mehr. Ich find das auch schlimm, wenn die Kinder das mitkriegen würden. Nicht das mir das, was ich tue, peinlich ist. Aber im Internet gibt es ein paar Berichte von Eltern, die da etwas unvorsichtig waren. Da haben die Kinder teilweise echt Probleme bekommen, in der Schule und so.

Stefan: Sehe ich genauso.

Anke: Ich will, dass sich unsere Kinder frei und ungestört entwickeln können. Wenn man Kinder will, muss man auch bereit sein, Einschränkungen hinzunehmen.

Ist BDSM eine Droge? Muss man die Dosis immer weiter steigern, bis es keine Grenze mehr gibt?

Stefan: Love is a drug…

Anke: Ich weiss nicht. Irgendwo wird immer eine Grenze bleiben. Aber den eigenen Horizont zu erweitern ist doch schön, ich sehe das gar nicht negativ. Ich hab inzwischen viele Dinge ausprobiert, an die ich vor zehn Jahr niemals gedacht hätte, die zum Teil auch tabu gewesen waren. Einige haben Spaß gemacht, andere nicht.

Was zum Beispiel?

Anke: Das hat jetzt nicht unbedingt was mit BDSM zu tun, aber Analverkehr zum Beispiel, dass fand früher ich total eklig. Inzwischen macht es mir Spaß.

Stefan: Stimmt.

Anke: Ich lass mich auch gerne auspeitschen. Ich gehe da echt bis an die Grenze, ich schreie, heule Rotz und Wasser, fast bis zur Bewusstlosigkeit. Das kann man als Unbeteiligter glaub ich gar nicht begreifen.

Stefan: Ich begreif’s ja manchmal selbst nicht. Als wir das erste Mal so weit gegangen sind, musste ich aufhören, ich konnte einfach nicht mehr weitermachen. Inzwischen find ich es ziemlich aufregend.

Anke: Das ist wie ein Rausch. Das kann man nicht erklären, dass muss man selbst fühlen. Wenn ich mir dabei zusehen müsste, hätte ich wahrscheinlich Angst. Danach fühle ich mich wie Supergirl, zumindest mental, auch wenn mir alle Knochen wehtun. Und unglaublich geborgen und geliebt.

Stefan: Du bist danach Supergirl…

Anke: Das kann man aber nicht jeden Tag machen, dass ist psychisch und physisch zu heftig. Aber es ist ja auch nicht jeden Tag Weihnachten. Vielleicht ist BDSM doch ein bisschen Droge…

Stefan: Zu Risken und Nebenwirkungen…

Anke: Lieber nicht! Würgen ist übrigens auch sehr schön…

Was hat keinen Spaß gemacht?

Anke: Dieses total devote, auch außerhalb vom Schlafzimmer, macht mich zum Beispiel überhaupt nicht an. Das wär mir auch zu langweilig, zu Allem immer Ja und Amen zu sagen. In einem erotischen Zusammenhang ist das was anderes.

Stefan: Ich hätte auch gar keine Lust, alles festzulegen und zu kontrollieren.

Anke: Bestrafungen finde ich merkwürdig, ich leide ja gern und ganz freiwillig. Rollenspiele mag ich auch nicht wirklich, von einer Ausnahme mal abgesehen, da hab ich aber eigentlich nur mich selbst gespielt. Ich käme mir da glaub ich blöd vor.

Stefan: Essen hat im Bett auch nix zu suchen.

Anke: Das find ich eigentlich nicht so schlecht, passt aber in den meisten Momenten einfach nicht.

Habt ihr noch Tabus? Was geht gar nicht?

Anke: Also es gibt nach wie vor Dinge, die ich niemals machen würde. Alles, bei dem Unbeteiligte zu Schaden kommen könnten oder Personen betroffen sind, die nicht explizit zugestimmt haben.

Stefan: Bei Klinik krieg ich Albträume. Das geht bei mir gar nicht.

Anke: Aber ansonsten? Wer weiss…

Stefan: Man soll nie nie sagen.

Welche Bedeutung hat die BDSM-Szene für euch?

Anke: Welche Szene meinst du? Also Internet und Stammtisch ist schon wichtig, damit man sich mal mit anderen austauschen kann, auf andere Gedanken kommt. Parties ab und zu sind auch ok, ist aber kein Muss. Ich seh das eher wie einen Tanzball, zu dem man sich nett anzieht, die Atmosphäre geniesst, sich austauscht. Da geht man ja auch nicht nur zum Tanzen hin.

Stefan: „Getanzt“ wird natürlich aber auch.

Anke: Ja, klar. Haben wir auch schon mal gemacht, aber die ganz intimen Momente erlebe ich lieber ohne Öffentlichkeit. Ich bin nicht so exhibitionistisch.

Stefan: Eigentlich schon.

Anke: Ne, find ich nicht. Ich habe kein Problem mit damit, nackt zu sein oder dass mir andere zuschauen. Es ist mir in dem Moment einfach egal, es reizt mich nicht zusätzlich.

Stefan: Manchmal nervt das Ganze auch. Es gibt da einige, die sind sehr verbissen, für die ist BDSM eine Religion mit festen Regeln.

Anke: Das ist wahr. Uns muss es Spaß machen, was Andere darüber denken, ist eigentlich wurscht.

Was denken Andere denn, die sonst damit nichts zu tun haben?

Anke: Weiss ich gar nicht so genau. Ich hab mal einer guten Freundin was erzählt, die hat das überhaupt nicht verstanden. Wir haben dannach nie wieder darüber gesprochen.

Stefan: Ich glaube, manche vermuten was. Aber Geheimnisse sind ja auch spannend.

Anke: Trotzdem muss man sich manchmal austauschen. Da sind Freunde mit den gleichen Interessen schon hilfreich.

Ich danke euch für das Gespräch

Stefan: Du solltest auch dankbar sein, war haben einen der seltenen Nachmittage ohne Kinder geopfert.

Anke: Wer weiss, was wir sonst gemacht hätten.

Ich verabschiede mich, steige in mein Auto.  Während ich nach Hause fahre, ziehe hinter dem Steuer ein erstes Fazit. Und bekomme plötzlich Zweifel. Kann man die emotionale Verbundenheit dieser zwei Menschen überhaupt in Worten ausdrücken? Wird man aus dem Text die leisen Töne zwischen den Zeilen herauslesen können? Das Band spüren, das die zwei verbindet? Meine Gedanken schweifen ab, ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren.

Tage später sitze ich am Computer, gehe den fertigen Text noch mal durch. Bin zufrieden, weil ich mich entschlossen habe, ihn meinen Auftraggeber nicht anzubieten. Weil ich ihn nicht umrahmt von Archivbildern aus Swingerclubs und Dominastudios in einem Revolverblatt lesen möchte. Weil ich das auch Anke und Stefan nicht zumuten möchte. Ich telefoniere herum und vereinbare ein Interview bei einer lokalen Domina, mal sehen, was dabei herauskommt. Und fühl mich gut, auch wenn’s weh tut.

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