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Papier ist geduldig

Print ist tot, es lebe der Online-Journalismus! Werden Blogs und Internet-Angebote Zeitungen und Zeitschriften überflüssig machen? Christian Grosskopf sprach mit Thomas Kleinschmidt, Mitglied des Arbeitskreises Neue Medien, über die Zukunft des Journalismus.

Herr Kleinschmidt, wenn Sie heute ein Schüler fragt, ob er Journalist werden soll, was raten Sie ihm?

Er sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich das Berufsbild des Journalisten stark verändert hat. Und es wird sich weiter verändern. Der Journalist ist keine Ausnahme: andere Berufe im Medienbereich haben einschneidende Veränderung bereits hinter sich. Warum sollte der Kelch an den Journalisten vorüber gehen?

Auch wenn viele Journalisten frustriert sind und in andere Arbeitsfelder abwandern: Ich glaube, dass es auch in Zukunft eine Perspektive für gute Journalisten gibt. Technologie hat die Tätigkeit ja nicht überflüssig gemacht, denn es gibt trotz Print-on-demand und eBooks ja nach wie vor Autoren und Verlagen.

Es findet im Moment ein Konsolidierung statt, die in anderen Berufen schon lange begonnen hat. Das bedeutet, dass die Konkurrenz größer wird. Und beim Sieben fällt der Sand zuerst durch. Aber jede Veränderung birgt nicht nur Risiken, sondern bietet auch Chancen.

Was bedeutet das konkret?

Journalisten müssen kreativer sein, ein eigenes Profil entwickeln. Die Herausforderung ist es, unter den Töpfen den zu finden, auf den der Deckel passt. Flexibilität und die Fähigkeit zur Selbstmotivation sind gefragt.

Man muss bereit sein, Neues auszuprobieren, sich neue Aufgaben suchen, sich selbst vermarkten. Ich habe häufig den Eindruck, dass viele Journalisten zu lange versuchen, ein totes Pferd zu reiten, und sich dann wundern, dass sie nicht weiter kommen. Wer stehen bleibt, kommt früher oder später unter die Räder.

Ich kenne einen Lokalredakteur, der alles selber macht, jeden kennt, mit über sechzig seine Leica gegen eine Digitalkamera ausgetauscht hat, hinter die Kulissen schaut, am Ball bleibt, auch mal in ein Wespennest sticht. Mir fällt spontan niemand ein, der seine Nachfolge übernehmen könnte, wenn er sich mal zur Ruhe setzt. Das ist etwas, das nur ein hauptberuflicher Journalist leisten kann.

Wirtschaftlich gesehen ist die Situation natürlich momentan sehr schwierig, es fehlen noch allgemeine, tragfähige Geschäftsmodelle für den Journalismus 2.0.

Wird das Verlagswesen in seiner heutigen Form überleben?

Im Moment habe ich den Eindruck, dass die Verlage aktiv daran mitarbeiten, sich selbst überflüssig zu machen. Daran wird auch das häufig geforderte Leistungsschutzrecht nichts ändern.

Wenn die Verlage eine vermeintliche Kostenloskultur im Internet beklagen, dann kritisieren sie doch damit zunächst mal ihr eigenes Verhalten: niemand hat die Verlage gezwungen, ihre Leistungen im Internet kostenlos anzubieten. Das Leistungsschutzrecht ist in meinen Augen der Strick, mit dem man verzweifelt den toten Gaul hinter sich her schleifen will.

Auf der anderen Seite schmückt man sich aber gerne selbst mit fremden Federn, solche Fälle werden ja von den Watchblogs mit schöner Regelmäßigkeit dokumentiert. Da herrscht schon eine gewisse Doppelmoral.

Ich denke, dass im Verlagswesen die gleichen Regeln gelten wie in anderen Wirtschaftszweigen: der Kunde erwartet einen Mehrwert, damit er bereit ist, für eine Leistung zu bezahlen. Für aufgewärmte Agenturmeldungen, angereichert mit ein paar Symbol- und Achivfotos, wird niemand Geld auszugeben, auch nicht in einer schicken Verpackung, wie der Stern es versucht Das reicht unter Umständen langfristig nicht. Ich will im Theater nicht den Vorhang sehen, sondern die Bühne und das, was hinter den Kulissen passiert.

Können Blogs die Zeitung ersetzen?

Heute sicherlich noch nicht. Es gibt eine Reihe guter und lesenswerter Blogs, aber die für meisten Bloger ist das Schreiben doch eher Zeitvertreib als Profession. Auch orientieren sich die Themen der meisten Blogs mehr an den private Interessen der Betreiber und weniger am Kundenbedarf. Trotzdem gibt es da richtige Schätze, und ich sehe eine mögliche Aufgabe der Verlage darin, diese Schätze zu heben, aufzupolieren und zu vermarkten.

Die sinnvolle Aggregation von Blogbeiträgen, Agenturmeldungen, Archivinhalten und redaktionellen Artikeln, verbunden mit Links zu Hintergrundinformationen und Quellen, ist vielleicht eine Lücke, die bisher noch niemand ausfüllt. Ob das wirtschaftlich tragfähig ist, kann ich nicht sagen, aber wenn man es nicht versucht, wird man es auch nicht herausfinden. Google News kann das übrigens nicht leisten, denn Google zielt in seinen bisherigen Aktivitäten immer auf das Verkaufen von Werbung zu Content ab und weniger auf das Erstellen und Filtern von Content selbst.

Aber statt selbst aktiv zu werden, höre ich von den Verlagen immer nur Jammern und Wehklagen. Nach Hilfe zu rufen ist aber kein Zukunftsmodell.

Ist Print also tot?

Meiner Meinung nach ja. Es wird eine Nische für Print-Produkte geben so wie es auch heute noch eine Nische für Schaltplatten gibt. Aber ich denke, die breite Masse der Nutzer wird Information künftig online konsumieren.

Durch Geräte wie Tablett-PCs werden Alleinstellungsmerkmale, die Druckerzeugnisse heute noch haben, wegfallen. Warum soll ich Bücher, Zeitschriften, Telefon und MP3-Player herumtragen, wenn ich all diese Funktionen in einem Gerät vereinen kann, das in meine Jackentasche passt?

Apple hat mit iTunes und dem AppStore ja gezeigt, dass man durchaus tragfähige Geschäftsmodelle mit Online-Content entwickeln kann. Im Übrigen bedeutet das Ende des Prints nicht das Ende des Journalismus und vielleicht auch nicht das Ende des Verlagswesen. Man muss nur bereit sein, seine Rolle neu zu interpretieren.

Was raten sie also Journalisten?

Den Rücken gerade machen und in der Hüfte flexibel bleiben. Auf mehreren Hochzeiten tanzen. An der Qualität arbeiten, nicht am Volumen. Stärke und Haltung zeigen, auch wenn’s weh tut. Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren die Dummen die Welt.

Herr Kleinschmidt, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Anmerkung: Dieser Artikel ist aus gutem Grund der Erste auf meinem Blog. Viele Gedanken von Herrn Kleinschmidt haben mich selbst zum Nachdenken angeregt. Und so wurde der immer wieder aufkeimende Wunsch, ein eigenes Blog zu betreiben, dann doch noch Realität. Ich hoffe, es gelingt mir, an dieser Stelle auch in Zukunft interessante Interviews und Artikel zu veröffentlichen, die sonst in Schubladen und Papierkörben verschwunden wären.

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  1. Christian Grosskopf
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